FRIEDRICH CERHA

Komponist/Dirigent

Geboren am 17. Februar 1926 in Wien, Studium an der Akademie für Musik (Geige, Komposition, Musikerziehung) und an der Universität Wien (Musikwissenschaft, Germanistik, Philosophie), Abschluss 1950 mit Dr. phil. Zunächst Konzertgeiger und Musiklehrer, ab 1959 Musiklehrer an der Hochschule für Musik.
1958 mit Kurt Schwertsik Gründung des Ensembles „die reihe“ zur Schaffung eines permanenten Forums für Neue Musik in Wien, 1960-1997 regelmäßige Dirigate bei international führenden Institutionen Neuer Musik, Orchestern (Berliner Philharmoniker, Cleveland Orchestra, Concertgebouw) und Opernhäusern (Berlin, München, Buenos Aires).
1976 bis 1988 Professor für Komposition, Notation und Interpretation Neuer Musik an der Hochschule für Musik in Wien.
Aufträge für zahlreiche Ensemble-, Chor- und Orchesterwerke durch hervorragende Institutionen und Festivals (u. a. Koussevitzky-Foundation New York, Festival Royan, Konzerthaus Berlin, Wiener Philharmoniker) und ebenso zahlreiche Preise und Ehrungen, zuletzt 2006 Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, Orden „Officier des Arts et Lettres“ und „Goldener Löwe“ der Biennale Venedig für das Lebenswerk.

Bühnen-, Orchester- und Ensemble-Werke (Auswahl)
1956/1957 Relazioni fragili für Cembalo und Kammerensemble
1959/1974 Fasce für großes Orchester
1960/1961 Spiegel
Ab 1962 Herstellung einer spielbaren Fassung des 3. Aktes der Oper Lulu von Alban Berg (Uraufführung 1979 in Paris)
1962-1967 Netzwerk (sowie 1978-80)
1969 Langegger Nachtmusik I (II, 1970; III, 1991)
1981 Baal (Uraufführung bei den Salzburger Festspielen)
1981/1982 I. Keintate (II. Keintate, 1983-85)
1987 Der Rattenfänger (Uraufführung beim steirischen herbst)
1988 Monumentum für Karl Prantl, für großes Orchester
1992/1993 Impulse für Orchester
2001/2002 Requiem für Soli, Chor und Orchester
2002 Der Riese vom Steinfeld (Uraufführung in der Wiener Staatsoper)

„Im erzkonservativen Wien der 50er und 60er Jahre hat man mich sehr angefeindet und meine Musik wurde abgelehnt; von manchen Leuten wurde ich sogar – wohl mit dem Begriff „Entartete Kunst“ im Hinterkopf – als „Zerstörer“ oder zumindest „Störer“ der abendländischen Musikkultur betrachtet. Natürlich war mir das nicht angenehm, aber es hat mich im Innersten nicht berührt. Ich war immer ziemlich unbeeinflusst von Erfolgen oder Misserfolgen. Unmittelbar nach dem Krieg hat mich Neoklassisches interessiert, dann die Wiener Schule und die internationale Avantgarde, ich habe aber sofort auch kritisch reagiert und um 1960 – etwa in meinem großen Orchesterzyklus „Spiegel“ – zu einer von traditionellen Formulierungen gänzlich freien, „puristischen“ Klangsprache gefunden. Später hat es mich allerdings wieder gereizt, Qualitäten aus der europäischen, aber auch aus afrikanischen und fernöstlichen Traditionen sinnvoll in meine Musik zu integrieren, reiche musikalische Organismen zu schaffen, in denen Zustände und Entwicklungen unmittelbar erfahrbar werden. […] „Markenzeichen“ in der Kunst haben mich nie interessiert und trotz meines hohen Alters suche ich immer noch nach Neuem. Der Weg, auf dem ich suche, führt notgedrungen zu mir selbst. Es geht also auch noch immer darum, neue Seiten an mir selber zu finden. Das intensive Erleben von Musik ist ein Weg in sich hinein – auch für den Zuhörer.“

(Interview mit Christa Eder für die Ö1-Serie „Der weite Weg zum Werk“, 1. Februar 2008)